KLAUS GLASER                       home


Zum dritten Mal der Schmerz beginnt,
Herr Ahlgrimm kommt zur Tür herein.
Die Klasse lärmt, setzt sich und sinnt
und lässt den Schwarzmarkt Schwarzmarkt sein.
Die dritte Stunde geht vorbei,
Latein, man schläft und hört nichts mehr,
laut Klassenbüchlein fehln noch drei,
darunter ist natürlich Er.
Da geht von unsichtbarer Hand
die Türe plötzlich auf,
ein brauner Koffer, wohlbekannt,
hemmt unserer Arbeit Lauf.
Und dann kommt Glaser, noch erhitzt,
er grüßt devot und lächelt nur,
und ferne weint ein Polizist
ob der verlornen Gaunerspur.
Ich wurde 1924 geboren.
Ich wollte immer Flieger werden. Deshalb habe ich mich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet.
Meine Grundausbildung (Segelfliegen, Fliegen mit ein- und zweimotorigen Maschinen,
Kunstfliegen usw.) erfolgte von 1942 bis 45 in Tutow ("Tanz und Trubel ohne Weiber")
in Mecklenburg. Dazu gehörte auch die Ausbildung zum "Rammjäger" (wenn man feindliche
Bomber nicht anders abschießen konnte, sollte man deren Leitwerke mit dem eigenen
Propeller "zersägen" oder notfalls durch Rammen zum Absturz bringen).
Als wir 1942 bei Prag stationiert waren, wurde der "Stellvertretende Reichsprotektor von
Böhmen und Mähren" und frühere Gestapochef Heydrich ermordet.
Unser, in alter k.u.k.-Tradition stehender, Oberst geriet in Verdacht, in irgend einer Weise
darin verwickelt gewesen zu sein; deshalb wurde unsere Einheit kurzerhand der Waffen-SS
eingegliedert. Wir hochspezialisierten Flieger, einige davon Ritterkreuzträger, mussten vier
Wochen Grundausbildung durchmachen; d.h. wir wurden wie die Rekruten geschliffen.
Zum Glück war der Vater meines Freundes und Kameraden General im Stab Hermann
Görings und erreichte, dass wir wieder einer Luftwaffeneinheit zugeteilt wurden: dem
Jagdgeschwader 105, einer Spezialeinheit.
Zunächst machte ich Kurierflüge mit zweimotorigen Maschinen in ganz Europa. Später
wurde ich der "Reichsverteidigung Heimat" zugeteilt und flog mit einmotorigen Maschinen
gegen feindliche Bomber. Das ging bis Januar 1945. Danach gab es keine Ersatzteile mehr
und keinen Sprit.
Wir wurden einer Landtruppe zugeteilt und bei Schwerin gegen die vorrückenden Russen
geschickt. Wir zogen uns zurück und gerieten in englische Gefangenschaft. Nach 8 Tagen
auf grüner Wiese entkam ich und setzte mich nach Hamburg ab.
Der Krieg war zuende. Ich war 21 Jahre alt, Leutnant, was mir nichts nützte, und hatte
Lücken in der Schulbildung. Deshalb ging ich in die Schule Armgartstrasse.
Danach war immer noch nichts mit der Fliegerei. Ich ging zur Polizei, lernte den
Polizeidienst von der Pieke auf, machte Streifendienst, kam zur Bereitschaftspolizei, zur
Funkstreife, zum Verkehrsunfalldienst, zum Innendienst als Sachbearbeiter usw.
1962 war die große Sturmflut in Hamburg. Der damalige Innensenator und spätere
Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte Hubschrauber bei der Nato an, mit denen viele
Menschen gerettet wurden. Daraufhin wurde beschlossen, die Polizei mit
Hubschraubern auszurüsten. Ich ließ meinen Pilotenschein auf Zivilpilot umschreiben
und war ab 1964 für 10 Jahre Hubschrauberpilot und Fluglehrer.
1965 brach während eines Fluges die Verbindungswelle zwischen dem Haupt- und
dem stabilisierenden Heckrotor. Meine Maschine drehte sich, stürzte ab und klatschte
aufs Wasser. Ich hatte Bandscheibenschäden und Wirbelbrüche und musste mehrere
Monate im Gipsbett liegen. 1978 wurde ich operiert und danach pensioniert.
Bis 2001 habe ich noch Hubschrauber geflogen: Urlaubsvertretungen, Shuttleflüge nach
Helgoland usw. Dann ging es gesundheitlich nicht mehr. Die Herzarterien  waren
verstopft, ich bekam zwei Bypässe, hatte Gleichgewichtsstörungen und bekam später 
eine leichte Form der Leukämie.
Neben der Fliegerei habe ich den Taxibetrieb meiner Frau geführt.
Trotz des Unfalls, dessen Nachwirkungen lang und schmerzhaft waren, war mein Leben
schön, weil ich meine große Leidenschaft, das Fliegen, mit meinem Beruf verbinden
konnte.
Anmerkung von Carlo Vernimb:
Nach dem Abitur 1947 habe ich Klaus nur einmal wiedergesehen. Es muss etwa 1950
gewesen sein. Ich kam von der Uni und wollte meine damalige Freundin, meine jetzige
Frau, vom Büro in der Gerhofstrasse abholen. Sie musste noch Korrespondenz erledigen,
und ich nutzte die Zeit, mathematische Übungsaufgaben zu lösen. Der Hausmeister, ein
kleiner, giftiger Wichtigtuer, vermutete wohl Schlimmeres, klopfte an die Bürotür und
forderte uns auf, das Büro zu verlassen. Wir ignorierten das. Er drohte mit Polizei. Wir
ignorierten das. Nach einiger Zeit klopfte es wieder: "Polizei, aufmachen!" Ingeborg
machte auf, und wer trat ein? Klaus Glaser von der Funkstreife! Großes Hallo und
freudiges Wiedersehen. Der Hausmeister verdrückte sich.
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