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Befreiung vom Terror
Begründung einer globalen Ethik
von Carlo Vernimb

Unsere Welt ist schön.
Sie könnte noch schöner sein, wenn wir nicht Angst vor Terroranschlägen haben müssten.
Die Angst betrifft uns alle, sie ist global.
Was haben wir falsch gemacht?
Liegt es am Streit der Religionen, am Clash of Civilizations (Samuel Huntington, 1996)?

Die Religionen erklären uns die Welt und sagen uns, was wir tun sollen.
Gilt das alles noch so wie es gedacht und verkündet worden war?
Verkündet worden war, dass zuerst die Erde und dann das Universum geschaffen wurde; dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht; dass sich die Sonne um die Erde dreht; dass die Menschen unabhängig von den Tieren, und dass Eva aus der Rippe Adams geschaffen wurde.
Die Kirche hat sich schrittweise, zögerlich und unter Schmerzen, für die Kirche selber und für Leute wie Galilei und Darwin, von diesen Positionen zurückgezogen. Die Fragen "Woher kommen wir?" und "Was ist die Welt?" sollten also die Wissenschaften versuchen zu beantworten; und nicht die Religionen.

Noch bevor die heute bekannten Religionen auftraten, gab es Regeln für das Zusammenleben von Menschen. Derartige Regeln gab und gibt es auch für viele Tierarten, die ebenfalls in Gruppen leben (Philip Kitcher, "Ethik ohne Gott", ZEIT Nr.38/06). Das große Verdienst der Religionen bestand darin, dass sie diese Regeln als von Gott verkündet ausgaben und damit verbindlich und unantastbar machten.
Die Regeln spiegeln sich in den Werten, die auch unabhängig von einer Religion bestehen. Aber heute können die Werte ihren ursprünglichen Rahmen sprengen und mittels der Vernunft weiterentwickelt und ergänzt werden. Zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau.
Heute werden Regeln für das Zusammenleben von Menschen nicht mehr von Gott verkündet, sondern öffentlich diskutiert und, meist nach einem demokratischen Prozess, ins Gesetzblatt geschrieben. Erleichtert wurde dieser Prozess durch die Trennung von Kirche und Staat, die bereits in vielen Staaten gelungen ist. Die Religionen haben also auch im Bereich der Ethik an Bedeutung verloren.

Haben die Religionen mehr Nutzen als Schaden gebracht? Die Antwort fällt schwer und wäre auch nicht für alle Religionen gleich.
Mit Sicherheit haben sie vielen Menschen Hoffnung, Zuversicht, Trost, Geborgenheit in einer Gemeinschaft, Solidarität und Glauben gegeben und der Menschheit architektonische Meisterleistungen wie Tempel, Kirchen und Moscheen geschenkt.
Andererseits hat z.B. das Christentum unsägliches Leid in die Welt gebracht, durch Kreuzzüge, Verfolgung Andersgläubiger, Inquisition, Hexenprozesse und Religionskriege.
Also besser ohne Religion? Für viele Menschen wohl nicht. Religion bietet Milliarden Menschen einen Halt. Die Seele, Gott, das Jenseits sind nicht Gegenstand der Wissenschaft, sondern der Religion. Sie kann Antworten geben auf die Fragen "Was kommt nach dem Tod?" und "Wie gehe ich mit mir selbst um, meinen Ängsten, meinen Schicksalsschlägen, meiner Trauer?" Wenn sich die Religionen auf diese Fragen beschränken, und das wäre zu wünschen, schadet es niemandem, ob es eine einzige, mehrere oder so viele Religionen wie Menschen gibt.

Terroristen, die meist deshalb zum Terror greifen, weil sie sich gegen eine Übermacht nicht anders zu helfen wissen, berufen sich oft auf die Religion und auf geeignete Passagen in "Heiligen Schriften". "Heilige Schriften" sind leider mehrdeutig. Deshalb ist die Berufung auf sie nicht nur hinderlich für eine Verständigung, sondern auch scheinheilig; und daraus resultierende Kriege "im Namen Gottes" sollten als schlimmste Verbrechen geächtet werden. Aber die Berufung auf religiöse Vorgaben ist ja nur eine Art "Entschuldigung" und zusätzliche Motivierung: Gäbe es keine Religion, auf die man sich berufen könnte, würde der Terror noch längst nicht verschwinden. Wir müssen zwar wachsam und wehrhaft gegenüber dem Terror sein, aber den Kampf können wir nicht gewinnen, solange immer neue Kämpfer nachwachsen. Wir müssen die Ursache des Terrorismus beseitigen, die gefühlte Unterlegenheit!

Wie kam es zur gefühlten Unterlegenheit? Vor tausend Jahren blühten in den vom Islam beeinflussten Gebieten die Medizin, die Wissenschaften und die Künste. Europa war im "finsteren" Mittelalter. In der Neuzeit jedoch entwickelten sich Wissenschaft und Technik in Europa schneller und führten zu einer wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit, aber sicher nicht zu einer moralischen oder kulturellen Überlegenheit! Wie können wir die gefühlte Unterlegenheit beseitigen?

Besinnen wir uns auf unsere Wurzeln:
Auf dem etwa 7 Millionen Jahre währenden Weg von unseren Vorfahren zum Menschen sind etliche Arten entstanden, die teilweise sehr erfolgreich waren - homo erectus hat sich von Afrika aus über fast die ganze Erde verbreitet - , aber sie sind, bis auf uns, den homo sapiens, alle ausgestorben. Arten sind gefährdet. Sie sterben aus, wenn sie sich in ihrer Umwelt nicht behaupten können. Der homo sapiens war anfangs sehr gefährdet. Die Gefahr verringerte sich, als er sich erfolgreich gegen wilde Tiere zur Wehr setzen konnte und konkurrierende Arten ausstarben. Heute ist die Gefahr wieder größer, wegen der Kernwaffen und wegen unseres Umgangs mit der Umwelt. Im Gegensatz zu früher gehen heute die größten Gefahren der Menschheit von der eigenen Art, den Menschen selbst, aus.

Alle Menschen sind Menschen, mögen sie noch so verschieden sein. Und die Kinder noch so verschiedener Eltern sind Menschen.
Etwa 98% der DNA von Schimpansen und Menschen sind identisch; aber Menschen und Affen können keine gemeinsamen Kinder bekommen.
Wenn es für die Menschheit einen höchsten Wert gibt, dann doch wohl das Bemühen, die Menschheit vor ihrer Austilgung zu bewahren. Was nützten der Menschheit Werte, wenn es keine Menschen gäbe?
Unsere biologische Herkunft kennen wir. Und was unterscheidet uns von unseren nächsten Verwandten?

Wir Menschen nutzten zum Beispiel das Feuer, schufen Werkzeuge, Sprachen, Kunst, Regeln für das soziale Zusammenleben, Medizin, Waffen, Tongefäße, Ackerbau, Viehzucht, Häuser, Geräte aus Bronze und Eisen, das Rad, Bewässerungsanlagen, die Schrift, Gesetze, Schiffe, Mathematik, Uhren, den Buchdruck, die modernen Naturwissenschaften, die Dampfmaschine und die Eisenbahn, die Telegraphie, das Auto, Flugzeuge, Radio und Fernsehen, Kernkraftwerke, die UNO, Computer, die Raumfahrt, Mobiltelefone und Satellitennavigation; und immer wieder Kunst, Wissenschaft und Regeln für das Zusammenleben. Das sind Errungenschaften, die allen Menschen zugute kommen können.

Und was unterscheidet die Menschen, die Völker? Sehr wenig! Wir alle stammen von der selben Urmutter ab, die, nach heutiger Kenntnis, vor rund 160 000 Jahren in Afrika lebte. Wir sind zwar nicht gerade alle Geschwister, aber doch so etwas wie Cousins.

Bisher bezog sich Ethik auf Handlungen des Einzelnen in der Gemeinschaft. Wenn wir die Menschheit erhalten und in Frieden leben wollen, dann brauchen wir in unserer globalen Welt eine Globale Ethik für Handlungen von Gruppen von Menschen (und jedem einzelnen der Gruppe) gegenüber anderen Gruppen von Menschen (und jedem einzelnen dieser Gruppe).

Hans Küng hat mit seinem 1990 vorgetragenen „Weltethos" (Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben; Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung; Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit; Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau) wesentliche Anstöße gegeben. Er geht von den Religionen aus, richtet sich an die Vertreter der Religionen und hat erreicht, dass (s)eine "Erklärung zum Weltethos" vom Parlament der Weltreligionen 1993 in Chikago verabschiedet wurde.
Helmut Schmidt hat 1997 (mit dem InterAction Council) die "Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten" (1) (Friedliches Verhalten, Wahrhaftigkeit und Toleranz, Gleichwertigkeit von Mann und Frau, Gerechtigkeit und Fairness, und Ehrfurcht vor dem Leben) vorgestellt, die von Jimmy Carter, Valéry Giscard d'Estaing und vielen anderen unterschrieben und 1998 von den Vereinten Nationen abgesegnet wurde.
Das von Hans-Dietrich Genscher 1998 gegründete Wittenberg-Zentrum für globale Ethik konzentriert sich vor allem auf die Wirtschaftsethik.

Der hier vorgestellte Beitrag geht vom Menschen und von der Menschheit aus. Er richtet sich an die Menschen, die Völker und deren Vertreter und konzentriert sich auf die drei für die Erhaltung der Menschheit wichtigsten Aufgaben. Am wichtigsten ist die 

1. Aufgabe: Seid tolerant, achtet die Menschen aller Völker, akzeptiert ihre Gleichwertigkeit, respektiert ihr Anderssein, ihren Glauben; und glaubt nicht, dass ihr etwas Besseres seid! Also: lasst in ihnen das Gefühl der Unterlegenheit gar nicht erst aufkommen!

Diese Aufgabe verlangt von vielen ein Umdenken, ein "Umfühlen", ein Ausstrecken der Hand, ein Aufeinanderzugehen. Sie ist die wichtigste, weil sie in Köpfen und Herzen geschehen muss, und weil sie eine Voraussetzung ist für die

2. Aufgabe: Seid solidarisch, helft anderen Völkern, ihre Armut, und damit ihren Neid auf euch, zu überwinden!

Diese Aufgabe ist vielleicht noch schwerer zu erfüllen, weil sie ein Geben verlangt, ein Abgeben; in einer Welt voller Egoismus und Gier.
Nicht wenige Regierungen leisten "Entwicklungshilfe". Aber das reicht nicht. Ein "globaler Marshall Plan", 1990 vorgeschlagen von Al Gore und aufgegriffen vom Club of Rome (2) und der "Global Marshall Plan Initiative" (3), kommt dem Ziel näher.
Ängste vor Terrorismus sind real. "Kriege gegen den Terrorismus" sind wirkungslos. Die Ursachen müssen beseitigt werden!
Ängste können viel bewegen. Angst vor Unterdrückung, Angst vor Hunger haben Völker zur Wanderung getrieben. Wir sollten die Angst vor dem Terrorismus nutzbar machen! Die Angst sollte der Anstoß zum Umschwenken sein, zum Umschwenken auf Toleranz und Solidarität, und damit, wenn auch auf langem Weg, zur Beseitigung der Ursachen des Terrorismus.

Nicht zur Befreiung vom Terrorismus aber zur Erhaltung der Menschheit erwartet uns die

3. Aufgabe: Bewahrt unseren Planeten als unseren Lebensraum!

Diese drei Aufgaben sollte sich jeder, egal woran er glaubt, zu eigen machen und, gemeinsam mit den Medien, die Regierenden zum Handeln ermutigen und auffordern.

Web Links:
(1) www.flegel-g.de/Menschenpflichten.html
(2) www.clubofrome.de
(3)
www.globalmarshallplan.org

Carlo Vernimb, 25. Juni 2007 home