HORST KAUFMANN                        home

   Morgens mit dem Zuge aus Ashausen
kommt er jeden Tag zu spät,
öffnet die Klassentür mit Grausen,
und auf seinen Platz er geht.
Schnell den Hut noch auf den Ständer,
durch die Klasse lang er springt;
er kennt die Namen aller Länder,
und bei Staub er prächtig singt.

1947

2005

1947 fing ich bei der Post als Inspektoranwärter an. Bis zur Vollendung meines
65. Lebensjahrs bin ich dann geblieben, genau 45 Jahre. Es war überwiegend eine
schöne Zeit, wobei ich das Glück hatte, meistens keine Vorgesetzten im Haus zu
haben. Es hatte allerdings den Nachteil, dass ich bei Beförderungen vergessen
wurde, sodass ich es nur bis zum Amtsrat geschafft habe. Aber ich bin zufrieden.

Meine Tochter (Jahrgang 1957) versucht mich jetzt zu übertrumpfen. Sie fährt
dank der ständigen Umorganisationen jetzt täglich nach Hannover. Ihr Mann ist
mit 40 Jahren zum Invaliden geworden. Kinder haben sie nicht.

Meine Frau, die Tochter meines Zahnarztes, hat 45 Jahre mit mir ausgehalten
und ist 2002 plötzlich während einer Kur an Herzversagen gestorben. Seitdem
wirtschafte ich allein, gehe aber meistens zum Essen, weil meine Frau mir das
Kochen nicht beigebracht hat und ich es auch nicht mehr lernen möchte.

Ansonsten beschäftige ich mich immer noch mit Briefmarken. Ich habe fast
100 000 verschiedene. 3 - 4 mal wöchentlich gehe ich zur Briefmarkenstelle der
evangelischen Stiftung Alsterdorf und schneide Marken aus und sortiere sie.
Wir leben dort von Spenden verschiedener Firmen und Privatleute und
beschäftigen damit Behinderte, denen unsere Erlöse zukommen.

Natürlich reise ich auch gern. In diesem Jahr war ich per Schiff zur
Donaumündung und letzten Monat in England. Nächste Woche geht es mit
früheren Kollegen nach Mittelfranken und München. Letztes Jahr war ich in
Namibia und Südafrika und zum Nordkap über Finnland und zurück durch
Norwegen, außerdem in Prag und St. Petersburg, das mir von der alten UdSSR
noch fehlte, die ich schon in den 70er Jahren bereist hatte. Auch in China war
ich mal. Aber es gibt ja noch so viele Ecken, die ich nicht kenne.

Mit Technik habe ich nichts am Hut. Meine Schreibmaschine habe ich nach der
Pensionierung stillgelegt. Ein Auto habe ich nie besessen, obwohl ich seit 50
Jahren einen Führerschein habe.

Mit meiner Gesundheit bin ich bisher zufrieden, obwohl ich mir in den letzten
Jahren das rechte Bein und den linken Oberarm gebrochen habe. Das war
aber seit der Schule so ziemlich alles.
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