Gastkommentar von Kurt Vernimb zur Kinderlandverschickung
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Als es immer mehr Luftangriffe auf norddeutsche Städte gab, wurden Schulkinder in weniger
gefährdete Gebiete verschickt; auch die Schüler der Schule Armgartstraße. Ich ging 
allerdings noch in die Volksschule Wallstraße. Weil ich aber mit meinem Bruder Carlo 
zusammen bleiben sollte, wurde ich kurz vor Abschluss der Volksschule in Carlos Gruppe 
integriert, und ab ging es im Frühjahr 1942? nach Seiffen-Steinhübel. Es war ein 
wunderschöner Vorfrühlingstag, als wir im Gleichschritt in Steinhübel ankamen. Am 
Straßengraben saß unser Jungvolkführer Repsold und erhob sich, als unsere Kolonne näher 
kam. Man nannte ihn später die Flasche mit dem dreckigen Korken, weil er seinen Hals nicht 
gewaschen hatte. Ich kam in das kleine abgelegene Zimmer mit Carlo, Dieter Möller und 
Hans-Joachim Donarski. Am nächsten Tag lag Schnee auf den Feldern, und wir mussten zum 
Unterricht in die Nußknackerbaude. Für mich und zwei andere Mitläufer als Außenseiter 
waren keine Lehrer vorhanden. Wir wurden von den mitgereisten oder ortsansässigen HJ-
Führern unterrichtet. 
Einer aus unserer Bude hatte immer umschichtig Küchendienst. Das begann mit dem 
Frühstückfassen aus der Küche. Die Teller mit Butter, Marmelade und Brötchen wurden in 
der Küche abgeholt. Derjenige, der Küchendienst hatte, suchte sich den für sich genehmsten 
Teller aus. Das Frühstück wurde auf der Bude eingenommen. Wo wir zu Mittag gegessen 
haben, weiß ich nicht mehr. Aber dass später die Teller und das Geschirr gespült wurden, ist 
mir noch in Erinnerung, denn die Handtücher mussten mehrmals ausgewrungen werden, weil 
sie schon so nass waren. Überhaupt waren die hygienischen Verhältnisse nicht optimal. Es 
gab in der Latrine eine geteerte Pinkelwand und Plumpsklos. An der geteerten Pinkelwand 
kamen die weißen Maden hochgekrochen.  Man versuchte durch Einleitung von Wasser in die 
Fäkaliengrube die Maden zu ertränken. Das hatte aber nur zur Folge, dass die ganze Scheiße 
aufschwamm. Als ich nach Abschluss der KLV wieder in Hamburg einen Aufsatz über die 
Kinderlandverschickung schreiben sollte, habe ich dieses Phänomen beschrieben und mir 
damit durch unseren Zeichenlehrer und Parteigenossen Schönfeld (genannt Moses) eine Rüge 
eingehandelt. 
In Seiffen waren viele holzverarbeitende Hauswerkstätten, die ihre Artikel sehr billig anboten. 
Da habe ich mir eine Holzpfeife und eine Zigarettenspitze gekauft. Die wollte ich natürlich 
ausprobieren. In Ermangelung von  Tabak habe ich Ahornblätter (dieser Baum stand 
gerade auf dem Grundstück) getrocknet und in der Pfeife geraucht oder als Zigarette mit dem 
seidenen Klopapier hergestellt für die Zigarettenspitze. Weil das ganze aber geheim bleiben 
sollte, wurde die Produktion auf den Dachboden verlegt. Als dann später die Sache doch 
aufflog und ich zufällig bei der Befragung eine Taschenlampenbatterie liegen sah, habe ich 
behauptet, ich wolle versuchen, mit der Batterie die Ahornblätter zu zünden. Das war 
natürlich noch viel schlimmer, der Dachboden hätte ja Feuer fangen können.
Manchmal gab es nachmittags ein Stück Kuchen, eine Art Berliner mit Marmelade gefüllt und 
Streuzucker obenauf, wir nannten es den „Rollenden Pups auf der Gardinenstange" .
Wenn die Fenster nachts geschlossen waren, war ein unbeschreiblicher Mief in der Bude, den 
wir selber aber nicht merkten. Wenn dann der Lehrer Grimm hereinkam, rief er: „Jungs, was 
ist das wieder für eine fürchterliche Akustik".
Einmal  waren wir zu einer Theateraufführung in der Freilichtbühne, und es gab „Die
versunkene Glocke" von Hauptmann. An die Handlung kann ich mich nicht mehr erinnern
bis auf die Stelle, als die versunkene Glocke an zu läuten fing und der Darsteller zu seinem
Partner sagte: „Hörst du denn nicht, bist du denn blind?"
Im Spätherbst war dann der ganze Spuk vorbei. Die Lehrerschaft beschloss, dass alle Schüler 
die Versetzung geschafft hätten und meine Versetzung zur Armgartstraße wäre trotz der 
unmöglichen Lehrmethoden auch gesichert. Einige meinten, der Zweck wäre somit erreicht.
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