OSWALD MAASCH                       home

Händelweisen lässt erklingen
Oswald Maasch mit seinen Damen.
Meister ist er auch im Singen,
Bilder malt er ohne Rahmen.
Mit einem Wort, man glaubt es nie
ein Genie.

1947

1998

Der folgende Lebenslauf stammt von Oswalds jüngerem Bruder Christian Gerald und beginnt mit dem Bekenntnis: „Seit er im Jahr 2000 gestorben ist, denke ich oft an ihn und stelle immer wieder fest, dass ich ihn kaum gekannt habe. Für mich war er stets ein unerreichbares Vorbild."

Oswald, geboren am 14. Oktober 1927 in Hamburg, litt seit seiner Kindheit an einem Hautleiden, das fürchterlich juckte und ihn sein Leben lang immer wieder verleitete, sich in Kniekehlen und Armbeugen blutig zu kratzen. Ich sehe noch, wie er als Junge von meiner Mutter an Bettpfosten gebunden in seinem Bett lag und ein jämmerliches Bild abgab.

Für meinen Vater, einen überzeugten Nationalsozialisten, war er das Vorbild eines Deutschen Jungen schlechthin und ein Kämpfer, der es in seinem Leben zu etwas bringen würde. Besonders, nachdem er, so es denn stimmt, bei der Hitlerjugend Lagermannschaftsführer geworden und an einem der Reichsparteitage in Nürnberg mit seinem Haufen am Führer vorbeimarschiert war.
Wir haben, ich glaube es war 1957, das Marsfeld besucht, das seinerzeit noch gut erkennbar war. Er hat andächtig auf der Empore gestanden, auf der die derzeitigen Parteioberen die Huldigungen der Massen über sich ergehen ließen. Seine Gedanken schienen zurückzuwandern.

In den letzen Kriegswirren, es war wohl Ende 1944, musste er, sehr zum Leidwesen unserer Mutter, als Nebelwerfer zum Bodenpersonal nach Ramstein zur Abwehr eventuell angreifender Flugzeuge.
Er kam unversehrt zurück und ging nach 1945 zunächst in die Schule an der Averhoffstrasse in Hamburg, die vom Krieg nicht ganz verschont geblieben, aber noch funktionsfähig war.

1947 machte er wie seine Klassenkameraden Abitur; mit 14 Einsern, wird behauptet. Das machte ihn für mich zu einem Klotz am Bein, während meiner gesamten Schulzeit.

Aufgrund seines Hautleidens konnte er den Malereibetrieb unseres Vaters nicht übernehmen. Außerdem war er von schwächlicher Statur und dafür nicht geeignet, wie meine Mutter befand.

Von Amerikanischen Universitäten bekam er Stipendien angeboten, aber meine Mutter und wohl erst recht mein Vater waren der Auffassung, dass er nicht bei unseren Feinden studieren dürfe.

Um in Deutschland studieren zu können musste er zunächst 1.000 Stunden Wiederaufbauarbeit leisten. Aus naheliegendem Grund, er wollte Architektur und Bauingenieur studieren, musterte er bei einer Baufirma, August Prien in Hamburg, an und half beim Wiederaufbau der Fischhallen am Hafen. Das hatte den Vorteil, dass wir ab und zu Fischöl und Salzheringe im Hause hatten und den Nachteil, dass es im Hause Petkumstrasse 20 nach Fischöl roch, wenn meine Mutter damit braten musste, weil sie nichts anderes hatte.
Wir hatten das Haus über den Krieg retten können, weil mein Vater bei jedem Fliegeralarm im Hause geblieben war und die Brandbomben in den Garten werfen konnte, bevor sie sich entzündeten.

Nachdem Oswald die 1.000 Stunden bewältigt hatte, bekam er einen Studienplatz in Braunschweig, nahm sich ein Zimmer und fing wieder an zu lernen.
Weil unser Vater ihm das Studium nicht restlos finanzieren konnte, hat er nebenbei mit einer kleinen Kapelle Musik gemacht; er spielte, besser gesagt, zupfte einen Bass.
Um diesen Bass transportieren zu können, legten die Musiker zusammen und kauften sich einen BMW Dixie mit Stoffverdeck, damit das Instrument bei offenem Verdeck hinein passte.
Sie nannten das Auto Balduin und ich bin einmal mitgefahren, als ich ihn per Anhalter in Braunschweig besuchte.
Das war zur Zeit der Kostümfeste und ich lernte seine Freundin Ulla Willer kennen. Ein, wie ich fand, sehr nettes Mädchen, mit dem ich mich auf Anhieb gut verstand.
Ihr Vater war ein nicht unvermögender Chemie-Ingenieur mit eigenem Unternehmen.
Als Oswald mit seiner Errungenschaft meine Eltern besuchte und verkündete, dass er sich verloben wolle, stieß er bei meiner Mutter auf strikte Ablehnung, das Mädchen zu akzeptieren.
Er war das erste Kind, dem meine Mutter ihren Willen aufzwang. Die Freundschaft mit Ulla dauerte dann nicht mehr lange.

Nach acht Semestern wollte er noch einen Doktor anhängen, aber als er das Thema seiner Doktorarbeit verinnerlicht hatte, „Auswirkung der Druckwellen auf Spannbetonbrücken bei einer Atombombenexplosion", hat er die Finger davon gelassen.

Es suchte einen Job in der freien Wirtschaft und fuhr zu einem Vorstellungsgespräch nach Sigmaringen. Als sein Lebenslauf und sein Studienabschluss akzeptiert worden waren, kam noch die eigentlich belanglose Frage nach seiner Konfession. Als bekannt wurde, dass er nicht katholischen Glaubens war, hatte sich der Job für ihn erledigt, und er landete zerknirscht wieder in Hamburg, um hier einen Job zu finden.
Wenn ich richtig erinnere, bekam er sein erstes Angebot von dem Bauunternehmen Wayss & Freytag. Das stieß aber auf wenig Gegenliebe bei meinem Vater, mit der Begründung, dass es sich wohl um Juden handele.
Dann bekam er einen Posten als leitender Ingenieur bei der Baufirma Gruen & Bilfinger, aber nicht in Hamburg, sondern in Düsseldorf zum Wiederaufbau einer Rheinbrücke.

Was ihm an seinem Job als Bauleiter von vornherein nicht gefiel, war die wöchentliche Auszahlung der Löhne an auf der Baustelle arbeitende Handwerker.
Er fand es erniedrigend, dass die Frauen der Handwerker das Geld in Empfang nahmen und ihren Männern nur den Teil gaben, den sie für angemessen hielten.
Eine der Frauen erklärte ihm, dass sie keine Lust hätte, jedes mal nach der Lohnzahlung ihren Mann Sonntag morgens, es wurde ja noch sonnabends gearbeitet, besoffen und mit leeren Taschen zuhause ankommend zu erleben.

Inzwischen hatte er auf eine Anzeige hin ein Mädchen gefunden, das meiner Mutter nicht unbedingt gefiel, aber von ihr akzeptiert wurde.
Sie kam aus „normalen Verhältnissen" ihr Vater war Ingenieur bei der Bremer Vulkan Werft. Die Hochzeit war am 3. Oktober in Bremen.
Im Mai 1960, sie wohnten noch in Düsseldorf, wurde die erste Tochter Silke geboren.
Oswald hatte sich ein Grundstück in der Nähe von Hamburg, in Buxtehude, gekauft und mit einem kleinen Haus bebauen lassen, weil er von der freien Wirtschaft die Schnauze voll hatte und die Beamtenlaufbahn als Dozent der Ingenieurschule Buxtehude annehmen wollte.

1964 kam Frauke auf die Welt und 1969 Maike, als letztes der drei Mädchen.

Am 16. März 2000 ist Oswald gestorben.
In einem Telefongespräch wenige Tage zuvor erzählte er mir noch relativ fröhlich, dass er auf der Straße mit seiner Gehhilfe spazieren gehen und mit aller Energie versuchen würde, seine Krankheit in den Griff zu bekommen. Es hat nichts genützt.
Als er einige Wochen vor seinem Tod aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte ich bereits befürchtet, dass es mit ihm zuende geht. Sein Krebs in der Wirbelsäule war nicht mehr zu operieren; und man schickte ihn nach Hause.
Wir hatten uns zuletzt vor 13 Jahren gesehen, als er 60 wurde.

Meine Lebensgefährtin seit dreißig Jahren und ich sind mit dem Zug zu Oswalds Beerdigung nach Buxtehude gefahren.
Als wir am Bahnhof in einer Taxe unser Fahrziel nannten, meinte der Fahrer, dass es sich um eine große Beerdigung handeln müsse, und karrte uns zum Waldfriedhof.
Wir waren pünktlich und doch die letzten. Die Kirche war so voll, dass man uns auf die hinterste Reihe der Empore schickte.
Nach der Pastorin sprach einer der Herren des Rotary Club, dem Oswald angehört hatte. Außerdem soll er Tennis gespielt und als Tenor in einem Neu-Klostertaler Chor gesungen haben, was ich ebenfalls nicht wusste.
Er scheint sehr beliebt gewesen zu sein. Die Menge der Trauergäste, ich schätze ca. 200, hat mich ziemlich überrascht.

Der Grabrede der Pastorin kann noch entnommen werden,
dass Oswald mit 16 Jahren beim Ernteeinsatz im Alten Land Kirschen pflücken musste,
dass er während der Kinderlandverschickung in Seiffen im Erzgebirge in die Spielzeugschule gehen durfte, wo man dass Fertigen von Holzspielzeug erlernen konnte, statt marschieren zu müssen,
dass er sich mit 17 Jahren zur Jungvolkspielschar beim Reichssender Hamburg meldete, um der Einberufung zum Wehrertüchtigungslager zu entgehen,
dass er als Geiger und Sänger zur Truppenbetreuung in Lazaretten usw. abkommandiert wurde,
dass er in einer Autobiographie für seine Kinder festgehalten hat, wie er als Kind in etwas hineinerzogen worden war, das seiner eigenen Vorstellung von Ästhetik und Lebensästhetik nicht entsprach. Für seine Kinder sollte sich nicht wiederholen, was er als Kind erlebt hatte: die Fremdheit zwischen Eltern und Kind.

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