Der Lehrer Trumpf

Bemerkungen von Carlo Vernimb

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Als wir von der Vorschule (ich kam von der Privatschule Hoffmann in der Petkumstraße) ins Realgymnasium in der Armgartstraße wollten, mussten wir eine Aufnahmeprüfung machen. Zum Schluss kam noch ein Intelligenztest. Ein Lehrer namens Trumpf, er hatte im ersten Weltkrieg einen Arm verloren, fragte: Was ist "Lawe"? Keiner wusste es. "Es ist ein Druckfehler. Es muss "Löwe" heißen. Was ist "pensch"?" Einige sagten, es solle wohl "Punsch" heißen. "Nein", sagte Trumpf, "es ist der mittlere Teil von Lam-pensch-irm". Ich berichtete das meinen Eltern, beide Volksschüler; und die meinten, ich sei wohl auf die falsche Schule gekommen.

Wir hatten Trumpf viele Jahre in Biologie; ich weiß nicht, ob er noch in anderen Fächern unterrichtete. Unsere "Bibel" war der Kraepelin-Schäfer, ein Bestimmungsbuch für Pflanzen. Einmal hielt er eine Pflanze hoch und fragte einen aus der Klasse, zu welcher Familie die Pflanze gehöre. Ich wusste die Antwort: Hahnenfußgewächse. Ich saß in der ersten Reihe und machte mit meiner rechten Hand die Fußbewegung eines schreitenden Hahnes. Dabei liegt die Hand zunächst gespreizt auf dem Tisch; beim Hochheben werden dann Finger und Daumen eng zusammengelegt und beim Hinunterlassen wieder gespreizt usw. Noch bevor der befragte Mitschüler antworten konnte, sagte Trumpf: "Was soll das denn, Vernimb; das kommt wohl von der Schlagsahne!" Wie Trumpf in diesem Zusammenhang auf den Beruf meines Vaters kommen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Einmal nahm er zwei mit Blumenerde gefüllte Töpfe und drückte in jeden einen Pflanzensamen. Einen Topf stellte er auf die Fensterbank, den anderen in einen dunklen Schrank. Nach zwei Wochen stellte er beide nebeneinander auf einen Tisch. Die vom Fenster hatte grüne Blätter, die andere weiß-gelbliche Stengel. "Welche Pflanze ist größer?", fragte Trumpf. Die Stengel schienen die grünen Blätter ein wenig zu überragen. Aber das konnte eigentlich doch gar nicht sein. „Die mit den grünen Blättern", sagte einer etwas zögerlich. Trumpf fragte weiter. „Grün", sagten alle, wenn auch ohne große Überzeugung. Ohne ein weiteres Wort stellte Trumpf die Töpfe an ihre ursprünglichen Plätze zurück und holte sie nach einer Woche wieder hervor. Nun war unverkennbar, dass das gelbliche Gestrüpp die grünen Blätter überragte. „Die Pflanze im Dunkeln will ans Licht und verwendet dafür all ihre Kraft", war seine Erklärung. Aber was wir wirklich lernten, war, genau zu beobachten, uns nicht von Vorurteilen leiten zu lassen und nicht einfach etwas nachzuplappern.

Sprichwörtlich wurden allerdings nicht Trumpfs pädagogische Fähigkeiten, sondern seine Sätze, die er uns entgegenschleuderte:
„Und wenn hier eine Sechsunddreißigkommafünfgranate durch das Gebäude saust, ihr bleibt sitzen!"
„Asphaltjugend!"
„Da sitzen sie nun, die Lords, und können nichts."

Meine Neigung galt eigentlich der Physik und Mathematik; aber in Biologie hatte ich immer die bessere Note. Trotz wechselnder Schulen und Lehrer konnte ich die Eins bis ins Abiturzeugnis durchschleppen. Würde Trumpf mich heute noch einmal fragen, in welche Familien die Ordnung der Landsäugeraubtiere unterteilt wird, so könnte ich wie aus der Pistole geschossen antworten: Bären, Marder, Zibetkatzen, Hunde, Hyänen, Katzen. Irgendwie hat er es geschafft, mich zum Lernen zu bringen.

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